zur Startseite von www.othmar.at Gedanken zum Fastentuch von St. Othmar

GRÜN
Am Anfang war für mich die Farbe Grün. Links oben ein reines, ungetrübtes Grün.
Im Farbkreis genau zwischen Gelb und Blau gelegen ist es mehr als nur die Mischung dieser beiden Farben.
Es ist eine neue, eigenständige Farbe, die weder Gelb noch Blau zuzuordnen ist.
Reines Grün ist weder warm noch kalt. Es drängt nicht nach außen wie das kraftvolle Orange oder leuchtendes Rot und es entführt uns nicht in ferne, kühle Regionen der Blau- und Violetttöne, in die nur der Geist vordringen kann.
In unserem Kulturkreis gilt Grün als die Farbe der Hoffnung und des Lebens, wohl im Zusammenhang mit dem frischen Grün der neu erwachenden Natur im Frühjahr.
Aber Grün ist mehr. Es ist eine Farbe der Mitte. Nicht nur zwischen warm und kalt. Auch zwischen hell und dunkel.
Es ist gleichweit entfernt von der hellsten Farbe im Farbkreis, dem Gelb und der dunkelsten, dem Violett. Nur eine Farbe hat die gleiche Helligkeit wie Grün und das ist ihre Komplementärfarbe Rot.
Um überhaupt als grüne Farbe in Erscheinung treten zu können, muss sie sämtliche rote Strahlung absorbieren, aufnehmen.
Das bedeutet, im scheinbar so ruhigen und passiven Grün ist die wohl kraftvollste Farbe - Rot - potentiell vorhanden.
Fastentuch in St.Othmar  Vielleicht ist das auch der Grund für die ausgleichende und beruhigende Wirkung, die der Farbe Grün zugeschrieben wird.
Dieses In-sich-Ruhen der Farbe Grün ist für mich Sinnbild der Gegenwart Gottes, auf die wir uns jederzeit verlassen können und die uns Sicherheit und Geborgenheit gibt.

BLAU
Reines, leuchtendes Blau.
Von rechts unten schräg nach oben strebend in breiten Pinselstrichen.
Es ist die kühlste und tiefste Farbe im Farbkreis.
Nichts Warmes wohnt ihr inne. Kein Gelb, kein Rot.
Trotzdem leuchtet und strahlt sie wie kaum eine andere Farbe.
Es ist das atmosphärische Strahlen des Himmels, nichts Materielles, nichts Greifbares.
Wir können es nicht besitzen.
Wir können uns nur danach sehnen.
Anders als ihre Komplementärfarbe, das kraftvolle, diesseitige und zupackende Orange, zieht Blau unseren Geist in die Ferne der Unendlichkeit.
Es verleiht uns Schwingen, mit deren Hilfe wir die materielle Welt hinter uns lassen und vordringen können in die Dimension des Glaubens.
Blau gilt aber nicht nur als Farbe der Sehnsucht.
Es ist auch die Farbe der Treue.
Eine Farbe, der man sich gern überlässt, anvertraut.
Sie führt uns in andere Bewusstseinsebenen und lässt uns das Göttliche ahnen.
Für mich ist Blau ein Symbol der Sehnsucht nach Gott, die jedem Menschen innewohnt und die uns immer wieder auf den richtigen Weg führt, wenn wir es zulassen.

VIOLETT
Über dem Blau der Gottessehnsucht liegt ein Schleier von violetten Farbtönen. Durchscheinend, an manchen Stellen dichter werdend, das Blau verdeckend. Manche Pinselstriche gehen auch parallel mit dem Blau, begleiten es. Sind sie nur ein dunklerer Blauton oder gehen sie schon ins Violette ?
Violett liegt am Farbkreis zwischen Rot und Blau.
Es ist schwierig, Violett als eigenständige Farbe zu sehen. Zu nahe ist die Verwandtschaft zu den beiden Nachbarn Rot und Blau.
Wie können zwei so entgegengesetzte Farbpole wie Rot und Blau plötzlich so nahe zusammenrücken ?
Rot, das aktive, aggressive, warme und pulsierende Leben.
Blau, das zurückhaltende, introvertierte, kühle und jenseitige Nichts ?
Das dunkle Blauviolett, das die helleren Blautöne begleitet, wirkt wie eine Trübung des durchsichtigen Blaus. Der helle, reine Glaube ist verdunkelt, was bleibt ist düsterer, bedrohlicher Aberglaube.
Auch Sünde, "in gutem Glauben" begangen, stellt oft eine Mischung aus ehrlicher Sehnsucht und menschlicher Schwäche dar.
Man kann Violett auch als Mittlerfarbe zwischen Blau und Rot, Himmel und Erde sehen.
Christus der Mittler wird oft mit einem violetten Mantel dargestellt.
Fastentuch in St.OthmarIn der Fastenzeit ist die liturgische Farbe Violett Ausdruck der Buße, mystischer Entrückung, aber auch des Leidens Christi. Violett hat auch Reinigungscharakter. Als Symbol für Umkehr und Vorbereitung hilft es, uns den spirituellen Kräften zu öffnen.
Für mich stellen die verschiedenen Violetttöne einen stellenweise undurchdringlichen Schleier der Verirrungen und Abweichungen vom rechten Glauben dar, aber auch alle Versuche, durch Reue und Buße wieder zurück zu finden.
Trotzdem ist dies dem Menschen allein durch eigene Kraft nicht möglich.

SCHWARZ
Schwarz - Finsternis - die Abwesenheit von Licht.
Symbol für Tod und Trauer.
Wie ein Schatten liegt das schwarze Kreuz über der Fläche.
Das Kreuz wird aufgerichtet durch unsere eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten.
Es trennt das menschliche Sehnen nach Gott von der Gegenwart Gottes.
Trennt es wirklich ?
Das Schwarz ist nicht kompakt, nicht undurchdringlich. Die Struktur ist durchlässig, nach beiden Seiten gibt es Möglichkeiten der Berührung.

Wo tiefer schwarzer Schatten ist, muss auch hellstes weißes Licht sein.
Das geneigte schwarze Kreuz, Symbol für den Kreuzestod Jesu, ist gleichzeitig Zeichen der Zuneigung Gottes. Erst durch diese Hingabe bis zur völligen Auslöschung ist uns Menschen der Zugang zum Heil erschlossen worden. Durch die absolute Menschwerdung Christi im Tode zeigt sich die Größe Gottes.

 


Fastentuch für St. Othmar, 1999
6,30 x 13 m in 3 Bahnen
81,9 m² Gesamtfläche,
Dispersion auf Baumwollmolino

Die Reihenfolge der hier besprochenen Farben entspricht dem Verlauf des Malvorganges.
Ich habe mit Grün begonnen, um ein Ziel für die blauen Pinselstriche zu haben. Darauf folgten die verschiedenen Violett-Töne und schließlich die schwarzen Strukturen.

Text und Fastentuch von Doris Reiser-Heckermann,
geboren 1961 in Mödling, 1980 bis 1985 Studium der Malerei und Restaurierung an der Akademie der Bildenden Künste, Wien bei Professoren Mikl und Kortan.
2002 Gestaltung des Kreuzwegs Aus der Sicht Jesu oberhalb der Othmarkirche



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aktualisiert am 10-Feb-2016
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