Predigt am Karfreitag 2018

Am feierlichen Karfreitagsgottesdienst in St. Othmar predigte, schon traditionell, ein evangelischer Theologe bzw. eine Theologin. Heuer war dies die Vikarin der Mödlinger evangelischen Pfarre, Frau Mag. Claudia Schörner. Sie fand ausgesprochen interessante Worte über Kreuz, Opfer und Jesus. Zum Nachlesen stellt sie uns ihre Predigt zur Verfügung. Dafür herzlichen Dank!

Franz Starnberger

Claudia Schörner
Vikarin Claudia Schörner

Predigt zu Hebr 9, 15, 26b-28

In der antiken Welt war das Opfer allgegenwärtig. Jegliche heilsame Verbindung zum Göttlichen wurde auf diesem Weg hergestellt. Auch die ersten Christen nahmen zunächst noch am Opferkult des Jerusalemer Tempels teil. Gottheiten müssten Opferleistungen dargebracht werden, um sie zu besänftigen, um sich mit ihnen zu versöhnen, um eigene Schandtaten wieder gut zu machen. Das gilt in fernöstlichen Religionen und in Naturreligionen noch immer, auch das Judentum und der Islam kennen das Opferprinzip, was besagt, dass man den Gottheiten persönliche Opfergaben darbringen muss, um wiederum Gutes von ihnen erwarten zu dürfen.

Und was denken wir als Christen? Müssen wir unserem Gott auch Opfer darbringen, um zu Lebzeiten und möglichst auch danach ein gutes Leben führen zu können?

Es gibt einen Brief im Neuen Testament, der sich wie kein anderer mit solchen Fragen beschäftigt bezüglich Opfer und Wiedergutmachung von Schuld. Es ist der Hebräerbrief, der über viele Kapitel hinweg den alttestamentlichen Opferkult in den Blick nimmt. Da ist vom Hohepriester die Rede, der alljährlich am großen Versöhnungstag zahlreiche Opfer darbringt - für die Schuld seines Volkes. Und diese Opferhandlungen nehmen kein Ende, sie müssen jedenfalls jährlich und reichlich wiederholt werden. Der Grund dafür leuchtet ein: Kein Opfer kann so groß genug sein, dass es über alle Zeiten hinweg ausreicht, um ein für allemal einen Gott zu haben, der es trotz menschlicher Schuld immer wieder gut und versöhnlich mit den Menschen meint.

Das besondere Merkmal solcher Religionen, die ihren Göttern Opfer darbringen müssen, um sie versöhnlich und gnädig zu stimmen, ist die Angst. Die Angst vor Strafe, die Angst vor der Rache eines Gottes. Und diese Angst versucht man zu bekämpfen. Man versucht sie los zu werden, wenigstens zu minimieren, indem man sich auf persönliche Opferleistungen beruft und verlässt.

Vor diesem alttestamentlichen Hintergrund ist der schwer verständliche Hebräerbrief zu lesen. In aller Ausführlichkeit wird dargelegt, dass die antike Opferpraxis überholt ist. Die vielen Hohepriester braucht es nicht mehr. Mit dem Opferkult ist jetzt Schluss. Wir Christen haben jetzt einen einzigen Hohepriester, einen Mittler zu Gott, der sich selbst geopfert hat für unsere Sünden. Jesus Christus ist an die Stelle des Hohepriesters und ebenso an die Stelle des Opfertieres getreten. Und dieses Opfer gilt vom 1. Karfreitag bis zum letzten, bis zum jüngsten Tag.

Auch in unserem Alltag kommt das Thema "Opfer" regelmäßig vor. Die Nachrichten berichten beinahe täglich davon: Wir hören von Opfern bei Luftangriffen und anderen kriegerischen Handlungen (z.B. in Syrien). Wir lesen von Opfern bei Anschlägen, nicht nur weit weg, sondern an Orten des mitteleuropäischen Alltags (z.B Giftanschlag auf russischen Ex-Doppelagenten und seine Tochter in Großbritannien). Wir wissen um die Opfer von Hungersnöten (z.B. Jemen) und Katastrophen aller Art, die oft sogar durch Menschen zumindest mitverursacht worden sind. Nicht zu vergessen sind die tragischen Opfer von Familienstreitigkeiten, verursacht von gekränkten Ehemännern oder frustrierten Frauen. Dann erwähne ich noch Kinder, die zu Opfern werden, weil sie von ihren Eltern vernachlässigt werden, weil sie von ihnen körperlich und psychisch misshandelt werden.

Es ist eine schier endlose Kette mit schrecklichen Folgen: Opfer, die nicht mehr mit ihrem Leben zurechtkommen, Opfer, die zu Tätern werden und Täter, die zu Opfern werden. Angehörige und völlig Unbeteiligte, die plötzlich hineingezogen werden, in Leid und damit in eine Spirale mit destruktiver Dynamik mit Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen.

Kommen wir wieder zurück zum Hebräerbrief. Zu welchem Ergebnis kommt er? Er sagt: Opferhandlungen machen keinen Sinn mehr. Persönliche Versöhnungsgaben sind vollkommen überflüssig. Angst ist völlig fehl am Platz. Denn unser Gott hat es von sich aus Karfreitag werden lassen. Unser Gott will nicht unsere Angst, sondern er wartet auf unsere Liebe und auf unsere Dankbarkeit für seine Gnade. Unser Gott hat seinen Sohn Jesus Christus dafür ausgesucht, um ein für allemal Ruhe und Frieden und Versöhnung in seine Beziehung zu uns Menschen zu bringen.

Der Hohepriester Christus bringt sich selbst als letztes und abschließendes Opfer dar. Das Blut des Heilsmittlers reinigt auch das Innerste des Menschen, und gemeint ist die Unreinheit, die uns aus der Tiefe des Herzen den Tod und das Nichtige Wirken lässt, sodass wir in Entfremdung von Gott leben und diese durch unser Verhalten auch noch ständig vergrößern. So vermag das Selbstopfer Christi den Vorhang zu öffnen, der bisher den Weg zum Allerheiligsten - zu Gott - versperrt hat.

Aus diesem Grund hat Gott dem ersten Bund mit seinem Volk Israel einen zweiten Bund folgen lassen; ein neuer zweiter Bund, der nun weltweit von Bedeutung sein soll. Das Konzept unseres Gottes sah es vor, - global und für alle Zeiten - der Schuld- und Angstproblematik auf Seiten der Menschen endgültig ein Ende zu setzen, und ihnen, seinen Geschöpfen, eine Alternative anzubieten. Frei von Schuld sollten sie sein können, frei von Angst sollten sie leben können. Denn nur so ist es möglich, dass wir Menschen unseren Gott lieben, dass wir unser Leben lieben und unseren Nächsten wie uns selbst. Unbewältigte Schuldgefühle und permanente Angstzustände vor Gott - wie gut man sie auch meint, verdrängen zu können -haben die schlechtesten Auswirkungen auf alle Bereiche unseres Lebens.

Gottes aber sagt so: Einer für euch, seine Unschuld für eure Schuld, von Karfreitag an bis in Ewigkeit. So, sagt Gott, können wir miteinander ins Reine kommen. Darum ist Jesus Christus auch der Mittler - der Urheber und Vermittler - des neuen Bundes geworden, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen.

Was für eine große Freiheit spricht aus diesen Worten! Freiheit von Strafe für sündige Menschen. Freiheit von unbewältigten Schuldgefühlen vor Gott - durch Vergebung. Freiheit von permanenter Angst vor Gott - wegen Gnade. Freiheit zur Freude und zur Zuversicht und zur Hoffnung - wegen der Liebe, die der Vater im Himmel um Jesu willen für jeden einzelnen von uns empfindet.

Ich wünschte mir, der Karfreitag würde weltweit als Tag größter Freiheit ausgerufen und dass er unter allen Völkern gefeiert werden dürfte. Denn das war der Tag, an dem Jesus Christus mit der Hingabe seines Lebens am Kreuz ganz entscheidend die Weichen gestellt hat. Es gibt keinen Grund mehr, wegen Angst oder unvergebenen Schuld vor Gott durchs Leben zu gehen. Wenn da Schuld ist, dann bring sie zu Christus, dem Gekreuzigten, und dann ist sie weg! Ganz weg! "Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung."

Das heißt im Klartext: Seit jenem Karfreitag darf nun für jede Schuld Vergebung beantragt, erbeten und empfangen werden. Sei nun frei von Schuld! Sei nun frei von Angst! Es macht absolut keinen Sinn mehr, unsererseits Opfer darzubringen, um Gott zu versöhnen, um Gott zu beeinflussen oder um ihn gnädig zu stimmen. Gott ist schon längst gnädig und ausgesöhnt durch Jesus Christus. Und diese Versöhnung gilt auf Dauer, und sie gilt allen, die mit dem wiederkommenden Herr Jesus Christus rechnen und auf ihn warten.

Christus macht den Weg frei für alle, die ihn folgen. Die rettende Wirkung, die von seinem Selbstopfer am Kreuz ausgeht, kreist um Möglichkeiten des Lebens, die sich dann auftun, wenn das Trennende zwischen Gott und uns Menschen verschwunden ist. Diesen rettenden Moment liegt jedoch nicht im Tod allein, sondern in seiner Überwindung.
Amen.




aktualisiert am 05-Apr-2018
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