NOLI ME TANGERE

Zur Osterzeit ist heuer wieder an der östlichen Außenwand der Othmarkirche eine Darstellung der Begegnung von Maria Magdalena mit dem Auferstandenen zu sehen. Doris Frass-Heckermann hat das Bild zu Ostern 2007 gemalt und den folgenden Text zur Verfügung gestellt.

"Noli me tangere!" ist der einzige von Jesus in den Evangelien überlieferte Satz, der gleichzeitig auch Titel einer gewissen Darstellung in der Kunst geworden ist. Gemeint ist natürlich die Szene aus dem Johannes-Evangelium 20,11-18, als Maria Magdalena am frühen Morgen zum Grab im Garten kommt, um den Leichnam Jesu mit Ölen und wohlriechenden Salben zu balsamieren und das Grab leer vorfindet. Die herbeigeholten Jünger finden das Grab wie von ihr beschrieben und "gingen wieder nach Hause".

noli me tangere von Doris Frass-Heckermann
noli me tangere
von Doris Frass-Heckermann

Maria Magdalena aber bleibt weinend am Grab zurück und als sie sich in das Grab beugt, sprechen zwei weißgekleidete Engel zu ihr. Als sie sich umwendet sieht sie eine Gestalt und glaubt, es sei der Gärtner. Auch er fragt sie: "Frau, warum weinst du? Wen suchst du?" Erst als er sie direkt mit ihrem Namen anspricht, erkennt sie Jesus in der Gestalt und sagt "Rabbuni, Meister" zu ihm. Was nun folgt, ist zwar nicht explizit ausgesprochen, trotzdem aber in jeder "Noli me tangere"-Darstellung der Mittelpunkt der Komposition: eine nach Berührung verlangende Bewegung und Geste Maria Magdalenas in Richtung Jesu. Dadurch wird die im Evangelium erwähnte Antwort Jesu erst plausibel: "Halte mich nicht fest..."

"Me mou haptou" im griech. Original, davon die lateinische Übersetzung mit "Noli me tangere", was dann oft mit "Rühr mich nicht an" - vgl auch die botan. Bezeichnung für eine Blume - ins Deutsche übersetzt wurde und der Szene einen ganz anderen Charakter gegeben hat. Die heute übliche Übersetzung mit "Halte mich nicht fest" kommt dem Original wesentlich näher, wenn es auch nicht den besonderen Aufforderungscharakter beinhaltet. Besser wäre wohl "Wolle mich nicht festhalten", was auch dem lat. Verb "nolle" als Verneinung von "velle"-wollen entspräche.

Die über die Jahrhunderte in verschiedenen Abstufungen dargestellte brüsk abwehrende bis fast ohnmächtig erscheinende Geste Jesu Maria Magdalena gegenüber ist der Gegenpart zu ihren Händen. Die Spannung, die dadurch ähnlich wie bei Michelangelos "Erschaffung Adams" in der Sixtina aufgebaut wird, stellt den eigentlichen Inhalt der Geschichte dar.

Eine echte Berührung, wie z.B. beim Apostel Thomas im Anschluss, erscheint unmöglich (Joh, 20,26-29). Auch der daran anschließende Satz "Denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgestiegen" klingt zunächst unverständlich, da dann eine Berührung erst recht unmöglich wäre.

Wenn eine Berührung nicht möglich ist, wird der Blickkontakt umso wichtiger und dieser Blickwechsel zwischen Jesus und Maria Magdalena ist die nächste Besonderheit dieses Bildthemas. Der intensive Blick gewährt Maria Magdalena einen Ein-blick in die Situation und in weiterer Folge die Ein-sicht in eine höhere Wahrheit, die sie letztendlich auch weitergeben soll: Jesus ist wirklich auferstanden!

Um genau diese Verschiebung der Daseinsebenen geht es aber anscheinend: Jesus ist zwar von den Toten auferstanden, aber nicht einfach in das alte Leben zurückgekehrt. Er befindet sich bereits in einer "erlösten Daseinsform" und bleibt nur mehr kurz unter den Menschen, damit die zurückbleibenden Jünger Zeugnis abgeben können.

Erst nach der Himmelfahrt und der echten "Rückkehr zum Vater" (= die ursprüngliche Daseinsform vor der Menschwerdung Jesu in der Geburt) ist für uns Menschen nach unserem eigenen Tod und Auferstehung eine "Berührung = Einswerden mit Gott" möglich. Bis dahin bleibt die Sehnsucht danach.

Für die Darstellung in St. Othmar wählte ich zwei verschiedene Noli me tangere-Vorlagen:
für die Figuren von Jesus und Maria Magdalena Giotto di Bondones Fresko in der Scrovegni-Kapelle in Padua und für den Hintergrund Fra Angelicos Fresko im Kloster San Marco in Florenz. Diese Mischung ergab sich aus dem vorgegebenen Querformat des Bildes und aus der Forderung nach einer leicht lesbaren Botschaft: das Grab ist leer, der Auferstandene erscheint Maria Magdalena.

noli me tangere von Giotto
noli me tangere
von Giotto
noli me tangere von Fra Angelico
noli me tangere
von Fra Angelico

Die Attribute der Siegesfahne bei Giotto (vgl. Gartenharke bei Fra Angelico als Erkennungsmerkmal des Gärtners) und die Siegespalme im Garten bei Fra Angelico (vgl. öde Steinlandschaft bei Giotto) unterstreichen nochmals die Überwindung des Todes durch die Auferstehung Christi. Durch die Gegenüberstellung des schwarzen, leeren Grabes am linken Bildrand und der hellen, glänzenden Gestalt Jesu rechts soll der Gegensatz von Tod und Leben verdeutlicht werden.

Der starke Komplementärkontrast des roten Mantels von Maria Magdalena und der grünen Wiese hebt die knieende Gestalt hervor, der Fels mit dem Grab wiederholt den Umriss. Durch die Überschneidung des oberen Randes der Siegesfahne und der Palmwedel mit der Bildeinfassung treten diese beiden Siegeszeichen stärker hervor und werden betont. Weiters stehen die beiden Einrahmungsfarben Rot für den Opfertod Christi und Gelb/Gold für die Herrlichkeit und Allmacht Gottes.

Doris Frass-Heckermann

Hinweis: Eine weitere Darstellung dieser Szene (Jesus als Gärtner) befindet sich in der Othmarkirche am Glasfenster rechts vom Hauptaltar.


aktualisiert am 16-Apr-2017
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