Vorgängerbauten der St. Othmarkirche

Die Othmarkirche wurde im Jahr 1982 renoviert. Im Zuge dieser Arbeiten wurden von 15. April bis 22. Juni 1982 archäologische Grabungen durchgeführt. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse über die sechs Vorgängerbauten der Othmarkirche wurden von Gustav Melzer in der Schrift Archäologische Untersuchungen in der mehr als 1100 Jahre alten Stadtpfarrkirche St. Othmar zu Mödling (Stadtgemeinde Mödling, 1982) zusammengefasst.

Es besteht die Vermutung, dass das Patrozinium des hl. Othmar von Anfang an bestand. Die Kirche wird aber immer wieder auch als (Lieb-)Frauenkirche bezeichnet. Im Heiligenkreuzer Grundbuch von 1440 ist die Rede von sand Giligen Altar in unser fraun und sand Othmarskirchen. Noch 1596 wird die Kirche als unser lieben frauen gotshauss bezeichnet. Während der Barockzeit geriet das Marienpatrozinium offenbar in Vergessenheit.

1. Bau, 9. Jht., karolingisch

Beim ersten nachweisbaren Kirchenbau an der Stelle der heutigen Othmarkirche handelt es sich um eine einschiffige, karolingische Saalkirche aus Bruchsteinen mit quadratischem Chor. Die Gesamtbreite im Langhaus beträgt 29 karolingische Fuß (9,35 m), die Gesamtlänge beträgt genau das Doppelte, nämlich 58 Fuß (18,70 m). Der hier vorliegende Typus der Chorquadratkirche war weit verbreitet und bereits um 700 unter anderem in Regensburg nachgewiesen.

Die erste urkundliche Erwähnung Mödlings in der Bezeichnung medilihha ultra montem commigenum findet sich in einer Urkunde des Chorbischofs Madalwin von Passau aus dem Jahr 903, fällt also in die Bestandszeit dieses ersten Kirchenbaues. Das Jubiläum 1100 Jahre Mödling wurde 2003 von den christlichen Kirchen und der Stadtgemeinde Mödling gefeiert.

Möglicherweise wurde diese erste Kirche von einem Grenzgrafen erbaut, der aus dem St. Gallener Raum in dieses Gebiet gekommen war und die Verehrung des hl. Othmar sowie den karolingischen Fuß als Längenmaß mitgebracht hat. Ein karolingischer Fuß des St. Gallener Klosterplanes aus dem Jahr 820 beträgt 32,16 cm.

Aus Anlass der 550-Jahr Feier der Grundsteinlegung der heutigen Othmarkirche wurde diese karolingische Vorgängerkirche visualisiert...

Zur Zeit der ersten Vorgängerkirche der Othmarkirche befand sich an der Stelle der heutigen Waisenhauskirche die Martinskirche. Diese verfiel nach der zweiten Türkenbelagerung, die Reste wurden 1787 abgetragen.

Grundriss 1. Bau

2. Bau, 11. Jht., romanisch

Im 11. Jahrhundert wurde die zweite Kirche erbaut. Die Mauern der ursprünglichen Kirche wurden bis auf Oberflächen-Niveau abgetragen und durch wesentlich breitere Mauern ersetzt. Die neue Kirche besaß über dem Rechteckchor einen Ostturm. Dieser Typus der Chorturmkirche war in Niederösterreich weit verbreitet.

Zu Beginn des 11. Jahrhunderts (nach anderen Angaben erst 1177) wurde die Burg Mödling erbaut. 1236 war der Herzog von Österreich, Friedrich II. der Streitbare, der letzte Babenberger, Herr auf der Burg Mödling.
Die Burg besaß eine Burgkapelle, die dem hl. Pankratius geweiht war. Nach der Zerstörung durch die Türken 1529 wurde die Burg nicht mehr aufgebaut.

Grundriss 2. Bau

3. Bau, 12. Jht., romanisch

Als Pfarre wird Mödling erstmals am 16. Oktober 1113 urkundlich genannt. Am 3. Oktober weihte Bischof Ulrich von Passau den Neubau des Stiftes Melk. Aus diesem Anlass schenkte Markgraf Leopold der Heilige dem Stift Melk die fünf Pfarren Mödling, Traiskirchen, Ravelsbach, Wullersdorf und Weikersdorf. Die Pfarre Mödling war von 1113 bis 1475 dem Stift Melk inkorporiert.

Der dritte Bau wurde vor 1113 errichtet. Er war eine dreischiffige Kirche von 25,50 m Länge und 18,50 m Breite. Die Seitenschiffe wurden von halbrunden Ostabsiden abgeschlossen. Den Abschluss des Mittelschiffes bildete wie bisher ein Rechteckchor mit Turm. Die Grabungen haben nachgewiesen, dass es sich um eine Kirche mit Begräbnisrecht handelte, was als Nachweis für eine Pfarrkirche gewertet werden kann.

1133 wurde das Zisterzienserkloster Heiligenkreuz durch den hl. Leopold III. aus der Familie der Babenberger gegründet. Dadurch kam es zu Zehentstreitigkeiten mit Melk. 1216 gelang es Herzog Leopold V. den Streit zu schlichten.

Grundriss 3. Bau
Quader der 3. Vorgängerkirche

Freigelegte romanische Quader der 3. Vorgängerkirche an der westlichen Außenmauer. Hier befand sich die nordwestliche Ecke dieser Vorgängerkirche, entspricht der linken unteren Ecke im rot eingezeichneten Grundriss.

4. Bau, um 1220, romanisch

Die vierte, romanische Kirche besaß einen 12,50 m langen, zweijochigen Ostchor. Die Gesamtlänge des dreischiffigen Baues betrug 38 m, die Breite 18,50 m. Die Kirche zeigt erste Ansätze einer gotischen Kirche. Zu dieser Zeit stand schon der romanische Karner mit Kegeldach.

Die Heiligenkreuzer Annalen des Jahres 1252 berichten, dass die Ungarn Niederösterreich verwüsteten und die Kirche zu Medlich, que est in foro, anzündeten. 1500 Menschen sollen dabei den Tod gefunden haben. Der Zusatz que est in foro deutet an, dass sich die vermutlich aus Holz erbauten Häuser des damaligen Mödling um die Othmarkirche gruppierten, und dass es außerhalb des Ortes eine weitere Kirche gab.

In den Grundmauern dieser 4. Vorgängerkirche wurde ein fast 2 m hoher Grabstein aus der Römerzeit gefunden, der im Museum der Stadt Mödling ausgestellt ist. Auf drei Seiten befinden sich Reliefdarstellungen von Venus, Herkules und eines Kriegers. Dies ist der älteste Fund im Bereich der Othmarkirche. Er deutet darauf hin, dass sich hier schon vor dem ersten nachgewiesenen Kirchenbau eine Kultstätte befunden hatte.

Grundriss 4. Bau

5. Bau, 13. Jht. (nach 1252), gotisch

Beim Wiederaufbau verlängerte man die Seitenschiffe auf die Höhe des Mittelschiffes, sodass diese fünfte Kirche 38 m in der Länge gemessen hat, die Breite entsprach vermutlich der des heutigen Baues.

Die Kirche mit geradem Chorabschluss und ohne Kirchturm zeigt Einflüsse der Bettelorden und der Zisterzienser, vergleichbar mit den Kirchen in Heiligenkreuz und Neuberg an der Mürz.

Grundriss 5. Bau

6. Bau, 14./15. Jht., gotisch

Seit Beginn des 14. Jahrhundertes, sicher vor 1343, war Mödling landesfürstlicher markt ze Medlich. In dieser Zeit entstand der sechste Bau. Das Mittelschiff erhielt einen polygonalen, zweijochigen, 10 x 8,70 m großen, außen mit Strebepfeilern versehenen Chorraum angebaut, dessen Grundriss dem der heutigen Unterkirche entspricht. Die Gesamtlänge der Kirche betrug 49 m, die Breite 23 m.

Grundriss 6. Bau

Heutiger Bau, seit 1454

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Grundriss heutiger Bau

aktualisiert am 12-Jul-2012
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