Der 9. November - Ein dunkles Datum

Ökumenisches Forum der drei christlichen Pfarren der Stadt Mödling
zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht, 9./10. November 1938

Pfarrerin Anne Tikkanen-LipplAnstelle des jeweils im Herbst stattfindenden ökumenischen Gespräches der Pfarrgemeinderäte/Presbyter der drei Mödlinger Pfarren (evang. Pfarrgemeinde, Pfarre Herz Jesu und St. Othmar) mit den Gemeinderäten unserer Stadt lud heuer die evangelische Gemeinde zu einer Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht in das Evangelische Lichthaus. Am 9. November also, um 17:00 Uhr, begrüßte Pfarrerin Anne Tikkanen-Lippl die Anwesenden im vollbesetzten Raum. 

Altpfarrer Klaus HeineAnschließend hielt Altpfarrer Klaus Heine einen Vortrag über Robert Blum, dem Abgeordneten des Frankfurter Bundesparlamentes, der in den Strudel der Ereignisse der Oktoberrevolution in Wien geriet und hier am 9. November 1848 standrechtlich erschossen wurde. Das politische Werden dieses Mannes, seine ideologische Ausrichtung und sein humanes Wollen wurden prägnant herausgearbeitet. 

Bürgermeister Hans Stefan HintnerBürgermeister Hans Stefan Hintner sprach zur Auslöschung Österreichs vor 70 Jahren, ging auf Vorgänge in unserer Stadt Mödling ein - auch hier wurde die Synagoge niedergebrannt - und stellte die berechtigte und nachdenklich stimmende Frage: Wie würde sich jeder einzelne von uns in einer derartigen Situation verhalten?

Kulturstadtrat Paul WerdenichKulturstadtrat Paul Werdenich erinnerte an das aktive Bemühen der Gemeinde um Aufarbeitung dieses traurigen Kapitels unserer Geschichte besonders durch zwei Aktivitäten des Jahres 2003. Einerseits wurden vertriebene jüdische Mödlinger, die die Shoa überlebten und heute über die Welt verstreut leben, zum Besuch ihrer Heimatstadt eingeladen - etliche sahen Mödling nach fünfundsechzig Jahren zum Erstenmal wieder -, andererseits war es ein von allen im Gemeinderat vertretenen politischen Parteien einstimmig getragener Beschluss, auf dem Platz der ehemaligen Synagoge ein Mahnmal zu errichten. 

Gemeinderat Gerhard Wannemacher, Initiator der Aktion "Stolpersteine" in MödlingGemeinderat Gerhard Wannemacher berichtete über die "Aktion Stolpersteine". 
In Mödling wurden bisher 22 Gedenksteine verlegt. Die nicht einfachen Recherchen zu weiteren Personen sind im Laufen, so dass mit weiteren Verlegungen in absehbarer Zeit gerechnet werden kann. 

Pater Adrian, Pfr. Markus Lintner und Pfr. Richard PoschDaran schloss sich von Pater Adrian, Pfarrer Markus Lintner und Pfarrer Richard Posch vorgetragener "Ruf zum Leben und zur Humanität unter dem Schatten der Shoa". Mutige Worte waren es, die das Versagen der christlichen Kirchen bekannten, die jeden Einzelnen aufforderten, so zu leben und so auch in der Öffentlichkeit aufzutreten, dass es nie wieder zu einer Reichspogromnacht kommt. 

Denkmal in der Enzersdorfer StraßeMusikalisch umrahmte das SMS-Quartett der Mödlinger Beethoven Musikschule die Gedenkstunde. Die gekonnt dargebotene Musik, der Bogen spannte sich von Mendelssohn-Bartholdy bis zu Klezmermusik, schaffte Raum für Ruhe und Besinnung und wurde dem Thema des Abends voll gerecht. 

Den Abschluss bildete ein gemeinsamer Zug zum Denkmal in der Enzersdorfer Straße, wo sich nach stillem Gedenken die Veranstaltung auflöste.

Text: Horst Dolezal
Fotos: Höger, evangelische Gemeinde
Layout & Recherche: Gerhard Metz

Links:
Aktion Stolpersteine in Mödling

Juden in Mödling

Bereits ab dem 13. Jahrhundert siedelten in und um Mödling sehr viele Juden. Sie sind sogar als Richter urkundlich erwähnt, durften diese Funktionen jedoch nicht als "Vorsteher" innehaben. Die heutige Elisabethstraße hieß Judengasse und im Haus Nr. 7 (Buchhandlung St. Gabriel) befand sich die "Judenschule". Im 15. Jahrhundert wurde die Entwicklung der jüdischen Gemeinde jäh durch Judenverfolgungen und -Pogrome beendet.

Erst um 1840 siedelten wieder Juden in Mödling. Zuerst Familien, die in umliegenden Dörfern gewohnt hatten, dann in den späten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts auch viele reiche Industriellenfamilien, die ihre Betriebe ebenfalls in Mödling und entlang der Südbahn ansiedelten. In der Klostergasse 8 wurden die Gottesdienste abgehalten und man erwarb einen jüdischen Friedhof, der heute noch benützt wird.

Mödlinger Synagoge, ca. 1926

1892 wurde die Mödlinger Israelitische Kultusgemeinde gegründet, die die Gerichtssprengel Mödling, Liesing, Schwechat, Bruck an der Leitha und Hainburg umfasste. Im Jahr 1914 wurde die große Mödlinger Synagoge fertiggestellt, 1916 das daneben befindliche Verwaltungsgebäude eingeweiht.

Reichspogromnacht in Mödling

In den "Mödlinger Nachrichten" las sich die Berichterstattung über die "Reichskristallnacht" folgendermaßen: "Der Judentempel in Mödling niedergebrannt. ... In Mödling haben schon vormittag empörte Volksgenossen vor dem Judentempel in der Enzersdorferstraße demonstriert und die Inneneinrichtung zertrümmert. Dabei kam es durch Kurzschluss zu einem Brand, der noch vor Eintreffen der Feuerwehr gelöscht werden konnte. Bei den Abräumungsarbeiten im Inneren entstand nachmittags abermals ein Brand, der in den umherliegenden Material reiche Nahrung fand und schließlich auch die Dachkonstruktion ergriff und einäscherte. Die auf dem Brandplatz erschienene Stadtfeuerwehr beschränkte sich darauf, die Nachbarhäuser zu sichern. Vor dem Tempel hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt, die gespannt den Verlauf des Brandes beobachtete". Laut Zeitzeugen war es der Mödlinger Feuerwehr nicht erlaubt, die brennende Synagoge selbst zu löschen.

Bilanz im gesamtdeutschen Reich

brennende Synagoge am 9.11.1938 in Berlin91 Menschen wurden ermordet, 191 Synagogen niedergebrannt, 76 weitere Synagogen, Gemeindehäuser und Friedhöfe verwüstet, 171 Wohnhäuser zerstört, 7.500 Läden und Warenhäuser demoliert, 800 Plünderungen wurden nachgewiesen, bis zu 35.000 Menschen wurden verhaftet. 
Gipfelpunkt des Zynismus war die Tatsache, dass die Juden für die ihnen zugefügten Schäden auch noch bezahlen mussten. Hermann Göring erließ eine Verordnung, dass alle Schäden von den jüdischen Inhabern bzw. jüdischen Gewerbetreibenden sofort zu beseitigen bzw. zu bezahlen sind.

Quelle: "Buch der Stadt Mödling, 1933" und "Ausgelöscht" von Franz Rinner

Überblick zur Ökumene in Mödling hier...


aktualisiert am 31-Aug-2017
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